Die 50er-Jahre. Indiana Jones.
Dieser legendäre Kult ist schwer nachzuempfinden – und genau das war die große Herausforderung für das talentierte Team, das für die Ausstattungsgegenstände und Kostüme von „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” verantwortlich zeichnet. Von Indiana Jones’ Peitsche und Schlapphut bis hin zu Mutts Bikerjacke mussten sie Elemente für eine neue, aber immer noch vertraut wirkende Welt erschaffen.
Kostümdesignerin Mary Zophres, Co-Kostümdesignerin und ihre Mitarbeiterin Jenny Eagen sowie Harrison Fords Kostümbildner Bernie Pollack mussten sich der Aufgabe stellen, nahe am Look der ersten drei Filme zu bleiben und dennoch neue Aspekte einzubringen. Die Ära bot Unmengen an Inspiration für die neuen Figuren. Produzent Frank Marshall erklärt: „Jede unserer neuen Figuren ist durch die 50er inspiriert, und Mary schien sehr viel Spaß daran zu haben, einen Look für sie zu erschaffen.”
Zophres stöberte durch alte Life-Magazine, College-Jahrbücher der 50er-Jahre, alte russische Militärhandbücher, Fotos von Maya-Ruinen und Geschichtsbücher, um Anregungen für das Design von „Königreich des Kristallschädels“ zu finden. „Ich habe mir jedes Jahrbuch besorgt, das ich aus dem Nordosten der USA bekommen konnte, besonders die von Yale“, erklärt sie.
Für Zophres, die für ihre Kostüme zu Spielbergs 60er-Jahre-Film „Catch Me If You Can” eine BAFTA-Nominierung erhalten hatte, war die Arbeit an den Kostümen deswegen so aufregend, weil der Regisseur so großen Enthusiasmus verbreitete: „Sein Gesamtwerk bedeutet mir sehr viel – umso befriedigender ist es, wenn ich ihn begeistern kann. Wenn man Steven zum Lächeln bringen kann, ist der Tag gerettet.“
Zophres übernahm sich eine komplizierte Aufgabe: Sie musste einen unverwechselbaren Look für die Femme fatale Irina Spalko kreieren. Inspiration fand sie in der Leinwandgöttin der 30er-Jahre, Marlene Dietrich. „Sie hatte großes Charisma mit einem gewissen Maß an Härte und Zähigkeit, was gut zu Spalko passt“, erklärt Zophres. Sie und ihr Team fanden einen Bestand echter russischen Militäruniformen für Spalkos Crew. „Ich bekam fast einen Herzinfarkt, als wir sie entdeckten, aber sie waren nur in den Größen 40 und 42 vorhanden, also suchten wir uns passenden Stoff, färbten ihn entsprechend ein und schneiderten dann die restlichen Größen für all die anderen russischen Soldaten“, berichtet sie. „Aber wir haben die echten Uniformen gefunden. Man knöpft die Jacken auf, und da ist ein echter sowjetischer Stempel drin.”
Für Marion Ravenwoods Rückkehr ließ Zophres sich von einer früherenb Ära und dem Look der realen Flugpionierin Amelia Earhart aus den 30er-Jahren inspirieren. „Marion ist ein kleiner Wildfang”, erklärt Zophres, “aber gleichzeitig extrem mutig, schön und feminin.”
Zophres half Schauspieler Shia LaBeouf, seine Figur durch eine „Rebellenuniform” – bestehend aus Lederjacke und Motorradstiefeln – zu unterstreichen. „Mutts Vorbild ist Marlon Brando in ,Der Wilde“ inspiriert‘“, sagt Zophres. Sie und Co-Kostümdesignerin Jenny Eagen trieben authentische alte Motorradjacken auf und ließen LaBeouf alle anprobieren, bis sie eine gefunden hatten, die ihnen am besten gefiel – dann schneiderten sie sie nach, um die verschiedenen Versionen zu erstellen, die im Laufe des Abenteuers benötigt würden. „Wir mussten um die 30 von diesen Motorradjacken anfertigen, weil Shia viele seiner Stunts selbst ausführte und sein Kostüm oft schmutzig und zerrissen war”, erklärt sie.
Auch der von Ray Winstone dargestellte Mac wurde von großen Vorbildern inspiriert. „Mac trägt eines meiner Lieblingskostüme im Film”, sagt Zophres. „Ich besitze ein Foto von Ernest Hemingway, auf dem er tolle, hohe Stiefel trägt und einen Fuß in die Luft streckt. Daher habe ich Stiefel mit einer derartigen, wirklich interessanten Sohle gefunden. Mac trägt seine Hosenbeine den ganzen Film lang in seine Stiefel gestopft.“
Auch wenn Zophres eigentlich schon genug zu tun hatte, mussten sie und Egan auch noch die Kostüme für die Statistenscharen beschaffen – über 200 allein für den in Peru spielenden Szenen, für die Zophres einen Einkäufer in das südamerikanische Land schickte, der dort Textilien als Material für die Kostüme kaufte. "Weil uns diese Geschichte rund um die Welt führt, wollte ich auch durch die Kostüme ausdrücken. Wir haben dies durch Variationen der Farbpaletten und stilistische Unterscheidungen hinbekommen, die jedem Ort mit einem eigenen Look prägen.”
Pollack, der schon seit 15 Jahren mit Ford zusammenarbeitet, ging auf seine eigene Odyssee, um Indys Garderobe als Akademiker und Abenteurer nachzubilden und zu erneuern. „Bernie hat den Indiana Jones aus den früheren Filmen in die 50er-Jahre verpflanzt”, sagt Marshall. Pollack sagt, dass seine Aufgabe teilweise ganz einfach war: „Denn Indy ist ein klassischer Typ, mit eigenen Stil und Look, den er nicht verändert.“
Es stellte sich heraus, dass nicht nur Indiana Jones Veränderungen ablehnt. „Ich hatte das Indiana-Jones-Kostüm 18 Jahre nicht getragen“, sagt Ford. „Also schickte Bernie es zu mir nach Hause, damit ich es anprobieren konnte, um zu sehen, was wir ändern mussten. Ich zog es an, und es passte wie angegossen. Ich fühlte mich darin total zu Hause und wollte am liebsten gleich loslegen.“
Während Indy auf der Leinwand nur ein Kostüm zu tragen scheint, musste Pollack tatsächlich 60 Paar Hosen und 72 Hemden anfertigen. Er beschloss außerdem, Indys Jacke ein wenig größer zu schneidern, damit die Polster für Fords Stunts darunter passten. Mit Standfotos aus den früheren Filmen als optischen Anhaltspunkt gestaltete er die die unverkennbare Lederjacke und suchte dann jemandem, der sie herstellen konnte. Seine Suche führte ihn quer durch die USA, über England bis nach Europa – und dann machte ihn der für die Garderobe verantwortliche Bob Morgan mit einem Lederausstatter namens Tony Novak aus El Segundo in California bekannt. Novak sagte, er brauche nur eine Musterjacke, dann könne er über Nacht einen Prototypen anfertigen. Aber das Lucasfilm-Archiv, in dem das Original seit über zwei Jahrzehnten aufbewahrt, hat strenge Sicherheitsauflagen. Pollack stellte einen Assistenten ab, der die Jacke persönlich in Novaks Firma brachte.
„Um neun Uhr abends hatten wir die Jacke und den Prototyp zurück. Und sie war perfekt. Also habe ich ihn gebeten, gleich 30 davon zu machen! Ich liebe den Kerl.“
Den berühmten Filzhut neu anzufertigen, war jedoch nicht ganz so leicht. Pollack machte verschiedene Entwürfe, verwendete verschiedene Stoffe und engagierte eine ganze Reihe von Hutmachern. Zwar fand er Letzteren in Deutschland, war sich aber nicht sicher, ob die Hüte in nur einem Monat angefertigt und zum Drehort versandt werden konnten. Dann erwähnte Pollacks deutscher Kontaktmann einen gewissen Steven Delk von der Adventurebilt Hat Company in Columbus/Missouri.
“Steven stellte viele verschiedene Hutversionen her und modifizierte sie so lange, bis wir den perfekten Hut vor uns hatten”, erinnert sich Pollack. Der preisgekrönte Requisiteur Doug Harlocker übernahm die Aufgabe, alle Requisiten von Peitschen über Mumien bis zu Motorrädern und Lamas herzustellen, zu finden oder zu kaufen. Auch er versuchte, bei der großen Anzahl von Einzelstücken, die er beschaffen sollte, der Atmosphäre der Filme treu zu bleiben und dennoch ein paar neue Ideen einzubringen.
„Wir reden ständig darüber, wie man Dinge aus den vorherigen Filmen nachempfinden kann, weil sie das Publikum gern sehen würde“, sagt Kennedy, „aber er hat auch alle möglichen neuen Ideen gehabt.“ Für „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” lieferten Harlocker und sein Team einen riesigen Fundus von Gegenständen, darunter ein Bobber Style Motorrad für Mutt, AK47s und Tacarov-Pistolen für die Russen, ein Satz Fechtschwerter, einen Stall voller Tiere sowie ein anderes unverzichtbares Requisit.
„Indiana Jones’ große Schwäche ist seine panische Angst vor Schlangen”, erzählt Harrison Ford. “Also brauchten wir unbedingt Schlangen.” Er erinnert sich, dass bei den Dreharbeiten zu „Jäger des verlorenen Schatzes” 1980 „ganze Wäschecontainer voller Schlangen herumstanden. In einen dieser Container passten vielleicht 8.000 Schlangen. Davon haben wir Dutzende in der Tempelszene des ersten Films eingesetzt.“
Zum Glück kommt in „Königreich des Kristallschädels” nur eine Schlange vor – die allerdings hat es in sich, da es sich um eine gigantische Olivpython handelt. „Wir hatten die richtige Schlange, die wir als wunderschön empfinden, aber Indy natürlich nicht”, lacht Spielberg. „Es war eine ziemlich große Python. Das Publikum würde es uns nie verzeihen, wenn nicht zumindest eine Schlange im Film vorkommt.” Zusätzlich zu der echten Schlange (zwei für den Dreh), lieferte Stan Winstons Studio in Zusammenarbeit mit Harlocker eine perfekte Nachbildung aus Gummi.
Dank des Lucasfilm-Archivs kam Harlocker an Originalrequisiten heran, um sie dann nachzubauen oder zu verbessern. Zu Indianas persönlichen Gegenständen gehören die Peitsche, die Umhängetasche, sein Pistolengürtel, seine Peitschenhalterung, seine Aufzeichnungen, die Uhr seines Vaters und seine Brille – und auch wenn die Brille in diesem Film anders aussieht, bleibt die Umhängetasche dieselbe, die er auch bei seinem letzten Abenteuer trug.
Harlocker ließ Indys Peitschen speziell von einer australischen Firma anfertigen, so dass sie für Ford einfacher zu handhaben waren. Das machte es dem Schauspieler dann auch leichter, die Kunst des Peitschenknallens wieder zu erlernen. „Das ist eine relativ ungewöhnliche Technik“, sagt Ford. „Und ich habe sie sowieso nie besonders gut beherrscht – aber ich glaube, fürs Showgeschäft hat es letztes Mal gereicht. Wir hatten bei diesem Film einen neuen Peitschentrainer, der eine etwas andere Technik hatte. Nach ein paar Wochen geduldigen Übens hatte ich das alles auch wieder drauf.“
Indys Peitsche löste laut Spielberg bei allen Mitwirkenden nostalgische Gefühle aus: „Wenn man erlebt, wie Harrison am Drehort erscheint, die Peitsche greift und mit ihr einen der Bösewichte einwickelt, glaubt man das einfach nicht“, sagt er. „Erstaunlich, wie schnell Harrison das hinbekommt. Und wenn man dann Indys Tasche und seine anderen Sachen sieht… das war nicht nur Nostalgie. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass wir diese Figur mit allem, wofür dir steht, dem Publikum zurückgeben, das mit Indy aufgewachsen ist – und gleichzeitig stellen wir ihn einem ganz neuen Publikum vor.“ |